Ruhe ich,
so bist du bei mir
Steige ich auf eine Höhe,
so steigst du mit
Steige ich herab,
so steigst auch du herab:
Wohin ich mich wende,
bist du dabei.

(Nikolaus von Kues)

Mein bester Freund und einmaliger Kletterpartner, Christoph Berger, wurde am Sonntag, den 12.10.2003, im Alter von 26 Jahren aus dem Leben gerissen. Beim Abseilen auf der Hohen Wand stürzte er in den Tod. Die Berge haben ihn uns genommen. Die Berge, die ihm auch so viel gegeben haben. In denen wir, so oft gemeinsam, so viel schönes erlebt haben.

Ich sehe Christoph vor mir, mit leuchtenden Augen und voller Begeisterung an einem Einstieg. So Meister, jetz pack ma's! Immer alles drei mal kontrolliert, jeder Handgriff sitzt. Wie wenn es keine Schwerkraft gäbe, turnt er hinauf, und schon bald hör ich ihn das vertraute 'Stand!' rufen. Nachkommen! Bei ihm angekommen: 'Börga, Hut ab, ich hätt mi ned traut', 'Geh, war halb so wild, jetzt bist du dran, du machst das schon, rauf mit dir'. Und dann schließlich am Gipfel - oft ausgepumpt, geschlaucht, aber doch so unendlich glücklich. Eine Umarmung, ein Handschlag, Berg Heil, gut gemacht! In der Sonne auf dem Bauch liegen und manchmal stundenlang in die Welt da unten schauen. Dann den Abstieg gut hinter uns bringen - nicht selten im Stockdunkeln, aber DEN Sonnuntergang am Gipfel können wir uns nicht entgehen lassen. Beim Auto ein paar Bier knacken, das haben wir uns verdient. Und schon reifen neue Ideen, neue Ziele in unseren Köpfen, was mach ma morgen?

Ein kaltes Bad im kleinen See unter der Cima del Lago, Philosophieren unter einem prachtvollen Sternenhimmel draußen im Schlafsack, eine in fast schon unwirkliches Licht getauchte Felswand, eine Winterlandschaft im letzen Licht, herumwirbelnde Schneekristalle vor uns, sitzen und staunen, genießen, Eindrücke aufsaugen. Unsere Welt reduziert auf die blendendweiße Firnfläche unter unseren Füßen, den tiefblauen Himmel über unseren Köpfen und die grenzenlose Ruhe um uns herum. Das sind die Momente, die wir Bergsteiger suchen, die unsere Gedanken beflügeln, die wir von dort oben mitnehmen und lebenslang als kostbaren Schatz in der Seele mit uns tragen. Erinnerungen, die unauslöschbar sind, von denen wir zehren können.

Ich möchte danke sagen für diese einzigartigen Momente, die ich mit einem einzigartigen Menschen erleben durfte. Gemeinsam, als Seilschaft. Eine Seilschaft, die so stark war, weil sie aufbaute auf einer tiefen, innigen Freundschaft, die durch nichts getrübt werden konnte. Blind verlassen auf den anderen, hundertprozentiges Vertrauen, in jeder Situation. Für einander da sein, sich gegenseitig ergänzen - immer, ohne Ausnahme, bedingungslos. Gegenseitiges Verstehen, ohne dass Worte notwendig sind. Den letzten Tropfen Wasser und den einzigen Müsliriegel teilen. In einer kalten Nacht sich Rücken an Rücken Wärme geben.
Nie eine Diskussion, wenn es ums Umkehren ging. Wenn einer sich nicht mehr allzu fit fühlte oder Bedenken wegen schlechtem Wetter hatte - ganz klar, gemeinsam kurz die Situation einschätzen und dann keine Minute zu zögern, den Abstieg anzutreten. Auch wenn es 50 Meter unter dem Gipfel war.

Aber nicht nur am Berg oder beim Snowboarden hat Christoph gewußt, was Leben heißt. Er war wohl der lebensfrohste Mensch, den ich kannte - für jeden Spaß zu haben, immer ein unwiderstehliches Lächlen im Gesicht, mit dabei auf jedem Fest. Wie oft haben wir Tränen mit ihm gelacht, tagelang könnte ich 'Schmähs' mit und von ihm erzählen, ohne ein einziges 'Gschichtl' wiederholen zu müssen. Jeder, der ihn gekannt hat, hat ihn einfach gern haben müssen, das ging nicht anders.
Fand er sich doch einmal in einer Situation, in der ihm nicht zum lachen war, hat er immer versucht, die Dinge positiv zu sehen. Und dabei gewußt, dass er sich auf seine Familie und seine Freunde verlassen kann.

Nun muß ich und alle deine Lieben von dir Abschied nehmen. Du wirst uns sehr, sehr fehlen, aber ich bin mir sicher: Irgendwann werden wir uns wieder sehen, in der Welt hinter allen Bergen. Das soll uns allen, die wir um dich trauern, vor allem auch deinen Eltern und deinem Bruder Sebastian, in dieser schweren Stunde ein Trost sein.
Bis dahin werden wir deine Fröhlichkeit, deine Unbeschwertheit, dein Zuhören vermissen.
In unserer Erinnerung aber wirst du weiterleben und immer bei uns sein.

Mit einem letzten Berg Heil
Dein Joachim
im Namen all Deiner Freunde

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